
Mit seinem Wunsch „Ich möcht’ ein Clown sein“ stellt sich der aus Moers am Niederrhein stammende Kabarettist Hanns Dieter Hüsch (1925–2005) in eine lange Tradition des Narrentums. Vom philosophischen Clown Hanns Dieter Hüsch lässt sich eine direkte Linie zu mittelalterlichen Narrenfiguren ziehen. Wie die Narren in Sebastian Brants “Narrenschiff” (1494) hält Hüsch der Gesellschaft den Spiegel vor.
Hüsch bezeichnete sich explizit als “Hanswurst, der Narr, der dumme August” und knüpfte damit auch an die mittelalterliche Tradition der Hanswurst-Figur an, die seit dem 16. Jahrhundert als derb-komische Gestalt der deutschsprachigen Stegreifkomödie bekannt ist. Beide - mittelalterliche Narren und Hüsch - nutzen Humor und Ironie zur Zeit- und Moralkritik. Während Brants Narren durch Karikierung und Übertreibung menschliche Schwächen entlarven, seziert Hüsch den bundesrepublikanischen Alltag und nimmt allerlei Torheiten aufs Korn.
Interessant ist auch die Parallele zwischen der religiös-moralischen Dimension der mittelalterlichen Narrenliteratur und Hüschs Rolle als säkularer Prediger, der regelmäßig bei Kirchentagen auftrat. Hüsch knüpft an die volkstümliche, oft derbe Sprache der mittelalterlichen Narrenliteratur an und bedient sich wie seine Vorgänger einer Sprachfärbung, die dem Volk aufs Maul schaut.
Das Seminar wird literaturwissenschaftliche Kontinuitäten aufzeigen und fragen, wie sich die Funktionen des Narren als Gesellschaftskritiker und Moralprediger über die Jahrhunderte gewandelt haben. Dabei werden Texte von Sebastian Brant bis hin zu Hüschs “Ich sing für die Verrückten” verglichen. Das medienwissenschaftliche Seminar wird zeigen, wie mittelalterliche Literaturtraditionen in der zeitgenössischen Kultur fortwirken.
Einführende Literatur:
Brant, Sebastian: Das Narrenschiff. Nach der Erstausgabe (Basel 1494} mit den Zusätzen der Ausgaben von 1495 und 1499 sowie den Holzschnitten der deutschen Originalausgaben, hrsg. v. Manfred Lemmer (4., erweiterte Auflage). Tübingen 2004.
Welke, Michael: Der Kabarettist als literarischer Orator. Produktions- und rezeptionsästhetische Strategien im Werk des literarischen Kabarettisten Hanns Dieter Hüsch. Essen 2010.
- verantwortliche Lehrperson: Jörg Zimmer