Kann man sich das Leben der Gottesmutter Maria nicht aus den Evangelien zusammenreimen? Nein, denn dort ist sie nur eine Nebenfigur, und viele Teile ihres Lebens werden gar nicht besprochen. Seit der Spätantike hat man versucht, diese Lücken zu füllen, und seit dem Hochmittelalter hat eine steigende Zahl von ‚Marien-Leben‘ die weibliche Sicht auf die Heilsgeschichte behandelt.
Im Seminar soll aber kein theologischer oder religiöser Diskurs geführt werden, sondern die literaturwissenschaftliche Untersuchung des Weiter- und Forterzählens einer vorhandenen Geschichte zentral stehen. Als Exponenten der langen Rezeptionsgeschichte steht zum einen Bruder Philipps Marienleben (um 1300) im Blickpunkt, das erfolgreichste Reimwerk des Hochmittelalters, zum anderen Rainer Maria Rilke (1912) als Lyriker der Moderne. Verfahren der Lyrikanalyse sowie der Epenlektüre stehen damit zentral.
Literatur: Bruder Philipps Marienleben. Hg. von Kurt Gärtner und Martin Schubert (Deutsche Texte des Mittelalters 100). [Manuskript; wird im Seminar zur Verfügung gestellt].
Rainer Maria Rilke: Das Marien-Leben. Vorgestellt von Richard Exner. Insel Verlag, Frankfurt a. M. 1999 [oder eine andere Ausgabe].
Bemerkung: Die zu erbringenden Leistungen bzw. Bedingungen zum Erwerb eines Leistungsnachweises werden in der ersten Sitzung bekannt gegeben.
- verantwortliche Lehrperson: Martin Schubert