Die Kreuzzüge zählen zu den prägendsten Ereignissen des europäischen Hochmittelalters und haben nicht nur die politische und religiöse Landschaft Europas nachhaltig verändert, sondern auch eine umfangreiche und vielschichtige Literatur hervorgebracht. Von der Kreuzzugslyrik über epische Großformen bis hin zu chronikalischen Berichten spiegelt sich in diesen Texten ein komplexes Bild von religiösem Eifer, ritterlichem Ethos, politischen Interessen und nicht zuletzt auch von Zweifeln und Kritik am Kreuzzugsunternehmen.

Im Mittelalter entwickelte sich die Kreuzzugslyrik als eigenständige literarische Form, die das Spannungsverhältnis zwischen weltlicher Minne und religiöser Kreuzzugspflicht thematisierte. Dichter wie Friedrich von Hausen, Hartmann von Aue, Walther von der Vogelweide und Neidhart von Reuental verarbeiteten in ihren Liedern den Konflikt zwischen höfischem Minnedienst und dem Ruf zum Kampf für das Heilige Land. Parallel dazu entstanden epische Werke wie das Rolandslied des Pfaffen Konrad oder Wolfram von Eschenbachs Willehalm, die das Kreuzzugsthema in größeren narrativen Zusammenhängen verhandelten und dabei unterschiedliche Perspektiven auf den Glaubenskampf entwickelten – von propagandistischer Legitimation bis hin zu subtiler Kritik.

Die Rezeption der Kreuzzüge in der modernen Populärkultur – von Richard Wagners Lohengrin über Ridley Scotts Film Kingdom of Heaven bis hin zu Videospielen wie Assassin‘s Creed – zeigt, dass die Kreuzzüge bis heute als Projektionsfläche für Fragen nach Religion, Gewalt, Toleranz und kulturellem Konflikt dienen. Diese modernen Darstellungen oszillieren zwischen historischer Rekonstruktion und ideologischer Instrumentalisierung und machen die Kreuzzüge zu einem Polymythos, der in unterschiedlichen Erinnerungskulturen immer wieder neu gedeutet wird.

Das Seminar befasst sich daher einerseits mit der literarischen Darstellung, Symbolik und Funktion der Kreuzzugsliteratur im deutschen Mittelalter. Dabei stehen sowohl die Kreuzzüge des 12. und 13. Jahrhunderts als Kontextfolie im Fokus als auch die literarische Verarbeitung religiöser, politischer und minnetheoretischer Dimensionen. Andererseits wird die Rezeption der Kreuzzüge in der Populärkultur des 20. und 21. Jahrhunderts untersucht, um die Kontinuitäten und Transformationen der Kreuzzugserzählung von der mittelalterlichen Kreuzzugslyrik bis zur modernen Geschichtskultur nachzuvollziehen.

Die mittelalterlichen Texte werden wir ausschnittsweise im Seminar gemeinsam lesen und analysieren. Ebenso werden wir Ausschnitte aus filmischen Darstellungen und anderen populärkulturellen Medien diskutieren, um Ursprung, Entwicklung und Rezeption des Kreuzzugsmythos in eine Linie zu setzen. Als Textgrundlage dient:

Müller, Ulrich (Hrsg.): Kreuzzugsdichtung. Tübingen 1997 (E-Book: 2017, Zugriff via Shibboleth unter https://doi.org/10.1515/9783110950663)

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