Rütlischwur, hohle Gasse und natürlich der Apfelschuss – kaum ein anderes Drama Friedrich Schillers enthält so viele prägnante und einprägsame Szenen wie Wilhelm Tell. Als Verkörperung eines ungebrochenen Freiheitswillens taugt die Haupt- und Titelfigur bis zum heutigen Tag als Projektionsfläche, zumal Schiller mit seinem Stück einen entscheidenden Beitrag zur Mystifizierung Tells als Schweizer Nationalheld geleistet hat. Die hohe Popularität des Stücks manifestiert sich auch in zahlreichen Adaptionen des Stoffs als Oper, Film oder Comic.

Bei einer genaueren Lektüre kommen jedoch Zweifel an einer affirmativen Interpretation des Stücks als Darstellung eines erfolgreichen Freiheitskampfs auf, zumal gerade der Protagonist auch problematische Charakterzüge aufweist, die ihn nur bedingt als Identifikationsfigur taugen lassen. Vielmehr werden in Schillers Drama bis zum heutigen Tag aktuelle und brisante Fragen wie die Verantwortung des Individuums für sich selbst und andere sowie die handlungsleitende Funktion von Geschichts- und Zeitkonzeptionen verhandelt. Bereits Gottfried Keller in seinem realistischen Roman Der Grüne Heinrich, aber auch Autoren des 20. und 21. Jahrhundert wie Max Frisch und Joachim B. Schmidt haben hierin Anknüpfungspunkte gefunden, um den Stoff einer nachhaltigen Dekonstruktion zu unterziehen.

Gegenstand der Seminararbeit sollen gleichermaßen Schillers Drama wie die skizzierten Rezeptionslinien sein, so dass ein Bogen von der Weimarer Klassik bis zur Gegenwart gespannt wird. Dabei werden wir uns schwerpunktmäßig mit literarischen Bearbeitungen des Stoffs beschäftigen, aber auch Adaptionen in anderen Medien einbeziehen.

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