Mystische Literatur, die eine Vereinigung mit dem Göttlichen bereits im Diesseits (unio mystica) und nicht erst nach dem Tod sprachlich zu fassen und nachzuerleben versucht, nimmt in der Frühen Neuzeit eine wichtige, wenn nicht gar zentrale Stellung in der Literaturproduktion ein. Wie ist das Göttliche nicht allein intellektuell vorstellbar, sondern auch ganz sinnlich erfahrbar - und letztlich sprachlich vermittelbar? Mystische Lyrik im Barockzeitalter von Angelus Silesius, Friedrich von Spee, Daniel Czepko, Catharina Regina von Greiffenberg und Quirinus Kuhlmann soll in einem thematischen Schwerpunkt einem Close Reading unterzogen werden. Hierzu bietet das Seminar auch einen Überblick über Gattungen und Dichtungstheorien der Lyrik des 17. Jahrhunderts. Vertiefend werden vor diesem Hintergrund zentrale Aspekte kanonischer mystischer Autorinnen und Autoren (Teresa von Ávila, Jakob Böhme, Madame de la Motte Guyon) erarbeitet. Abschließend soll exemplarisch ein kritischer Ausblick auf die Wende hin zu einer gesellschaftlich engagierten Mystik des 20. Jahrhunderts (Dorothee Sölle, Mystik und Widerstand) und Dichtung des 21. Jahrhunderts geworfen werden (Christian Lehnert, Cherubinischer Staub). Gefragt werden kann dabei nach den Möglichkeiten mystischen Sprechens im 21. Jahrhundert, wobei mystische Erfahrungen hier vorrangig in einem säkularen Kontext begriffen werden.
- verantwortliche Lehrperson: Franz Fromholzer