Kaveh Akbars preisgekrönter Roman "Märtyrer!" (2024) hat auf vielschichtige und komplexe Weise das Thema das Martyriums für die Gegenwartsliteratur neu zur Diskussion gestellt und die Radikalität eines Lebensentwurfs befragt, der die eigene Überzeugung mit einer Todesbereitschaft unmittelbar in Verbindung bringt. Das Seminar möchte die historischen Tiefenschichten literarischer Märtyrerdarstellungen offenlegen und dabei einen besonderen Schwerpunkt auf dramatische Bearbeitungen legen: Zeigen die Trauerspiele eines Andreas Gryphius ("Catharina von Georgien", "Papinian") vor allem passiv leidende und sterbende Vorbildfiguren, so wendet sich Daniel Casper Lohenstein bereits dem aktiven politischen Widerstand zu, wenn er in "Epicharis" die märtyrerhafte Protagonistin zugleich als potentielle Tyrannenmörderin zeichnet. Diese historische Linie soll in ihren Variationsmöglichkeiten auf der Bühne an Beispielen von Dramen Goethes ("Egmont") und Schillers ("Maria Stuart") weiterverfolgt werden.
Neben diesem historischen Schwerpunkt kann im Seminar der geschlechtsspezifische Aspekt des Martyriums an drei Beispielen von Jeanne d'Arc-Bearbeitungen diskutiert werden: Friedrich Schillers "Die Jungfrau von Orleans", Bertolt Brechts "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" und Felicitas Hoppes Roman "Johanna" verdeutlichen ästhetische, politische, aber auch postmoderne Verfahren der literarischen Darstellung weiblichen Martyriums. Abschließend werden in einem dritten Schwerpunkt an Auszügen aus Navid Kermanis monumentalem Werk "Dein Name" (2011) Aktualisierungsversuche des Märtyrerbegriffs in der Gegenwartsliteratur kritisch erörtert.
- verantwortliche Lehrperson: Franz Fromholzer