In den 1760er Jahren stieg Großbritannien zur Territorialmacht in
Indien auf. Die Kolonialherrschaft wurde dabei nicht etwa vom britischen
Staat ausgeübt, sondern von der britischen Ostindien-Kompanie, einer
börsennotierten Handelsgesellschaft. Die Handelskompanie verfügte weder
über geschultes Personal noch über geeignete Strukturen für eine
effektive Regierung. Zudem wucherte die Korruption innerhalb der
Kompanie, da viele Kompaniemitglieder ihre neue Machtposition vor allem
zur persönlichen Bereicherung nutzten. Die Kompanieführung in London
reagierte unterdessen vor allem auf den Druck ihrer Aktionäre, die auf
Gewinnmaximierung drängten. Ohnehin war die Informationsbasis schlecht,
weil die Nachrichtenübermittlung zwischen London und Kalkutta mindestens
sechs Monate dauerte. Statt der erhofften Ausbeutung der Reichtümer
Indiens folgte der Machtübernahme eine jahrzehntelange Dauerkrise: Die
Steuereinnahmen blieben hinter den Erwartungen zurück, während das
Herrschaftsgebiet von allen Seiten militärisch bedroht wurde. Mehrmals
konnte die Kompanie nur durch massive staatliche Hilfen vor dem Bankrott
bewahrt werden.
Das Seminar soll die komplexe Grundkonstellation der frühen
Kolonialherrschaft in Britisch-Indien nachvollziehen. Es soll erarbeitet
werden, wie zeitgenössische Akteure in Großbritannien und
Britisch-Indien in den folgenden Jahrzehnten versuchten, die
schwerwiegenden Probleme durch Reformen zu lösen und ein stabiles
Kolonialregime zu etablieren. Drittens werden wir uns mit den
gesellschaftlichen Debatten in Großbritannien beschäftigen, in denen die
Kolonialherrschaft bereits kontrovers diskutiert wurde.
Die Teilnahme am Seminar setzt die Bereitschaft zur Lektüre von Quellen und Forschungsliteratur in englischer Sprache voraus.